
Es ist eine Weile her, dass Altra seinen Carbon-Racer aktualisiert hat. Mit dem Vanish Carbon 3 präsentiert Altra nun sein neues Flaggschiff für den Straßenlauf. Altra hat dabei viele Dinge neu angegangen, bleibt sich in den Grundprinzipien aber treu. Neue Mittelsohlenmaterialien sowie Anpassungen der Geometrie und des Obermaterials sollen für deutlich mehr Geschwindigkeit als beim Vorgängermodell sorgen.
Die letzte Aktualisierung des Vanish Carbon 2 liegt bereits eine Weile zurück, entsprechend war es höchste Zeit für ein Update. Altra bleibt dabei dem eigenen Weg treu: breite Zehenbox, viel Raum für den Vorfuß und ein geringer Drop. Mit dieser markanten Formphilosophie im Wettkampfsegment ganz vorne mitzuspielen, ist eine Herausforderung. Umso spannender ist es, wie Altra das beim Carbon 3 gelöst hat.
Neu ist ein Super-Critical-PEBA-Schaum, der in zwei Schichten verbaut wurde. Ferse 40 mm, Vorfuß 36 mm, das ergibt einen Drop von 4 mm. Zum Vergleich: Altra und auch der Vorgänger lagen üblicherweise bei 0 mm. Mit 4 mm bewegt sich die Marke jetzt mehr in Richtung einer klassischeren Wettkampfschuh-Geometrie. Dazwischen sitzt eine speziell geformte Carbonplatte, die im Vorfuß beim großen Zeh gesplittet ist. Ab dem Mittelfuß läuft sie in zwei nach außen verlaufende, hinten offene Bügel über, sodass die Ferse etwas in die Platte und das Material einsinkt. Preislich liegt der Schuh bei 250 Euro.

Die Basis bildet Engineered Mesh, das hochwertig und dünn verarbeitet ist. Altra bleibt sich an vielen Stellen treu, wirkt aber an anderen überraschend modern, was positiv auffällt. Das dünne Material ist geschmeidig, bringt aber genug Struktur mit, um nicht komplett minimalistisch zu wirken, und ermöglicht dennoch eine gute Flexibilität.
Typisch für Altra bietet der Vorfuß viel Platz in der Breite, wenn auch etwas moderater als bei anderen Modellen der Marke. Positiv fällt auf, dass die Zehenbox trotz ihrer Breite nicht zu hoch gebaut ist, wodurch ein guter Lockdown entsteht. Geriffelte Schnürsenkel helfen beim Feinjustieren. Die unterste Öse sitzt direkt auf dem Spann und sorgt für zusätzlichen Halt. Darüber geht die Schnürung in klassische Ösen über. Die dünne und flexible Zunge ist nur vorne angenäht, verrutscht aber trotzdem nicht und ist entlang der Schnürsenkel minimal gepolstert.
Die Fersenpartie ist dünn gehalten und mit einem durchgehenden Liner statt einer separaten Polsterung versehen. Sie ist gut strukturiert, weder zu instabil noch zu fest. Insgesamt bietet der Schuh viel Tragekomfort, auch auf langen Distanzen. Die Passform sollte für die meisten Füße geeignet sein, ein Anprobieren empfiehlt sich trotzdem.

FASTRCE ist das neue Mittelsohlenmaterial. Es handelt sich um einen Super-Critical-PEBA-Schaum, der eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorgänger darstellt. Er bietet viel Dämpfung, guten Bounce und ein ausgewogenes Laufgefühl. Die Platte bringt zusätzlich Breite mit: Nicht nur der Vorfuß, sondern auch die Fersenpartie und der Mittelfuß sind nicht zu schmal aufgebaut. In Kombination mit der Platte entsteht so ein sehr kontrolliertes Laufgefühl, das auch dann noch sicher ist, wenn der Fuß ermüdet und man vermehrt über die Ferse läuft.
Der Rocker im Vorfuß ist gut ausgeprägt und mit der dort steiferen Carbonplatte kombiniert, die durch weniger Aussparungen mehr Antrieb liefert. Gleichzeitig sorgen der Cut-out neben dem großen Zeh und die offene Fersenkonstruktion für spürbaren Flex. Trotz des geringen Drops und der weichen, aber nicht butterweichen Mischung bietet dieser Schuh einen sehr guten Halt. Er ist einer der stabilsten Carbon-Racer auf dem Markt und liefert im Mittel- und Vorfußbereich trotzdem einen guten Pop.
Die Außensohle ist großzügig mit Gummielementen in guter Materialstärke über die komplette Länge bestückt. Das sorgt für sehr guten Grip und lange Haltbarkeit, auch bei Nässe. Zudem wird verhindert, dass das Mittelsohlenmaterial bei ruppigem Untergrund direkt in Kontakt kommt. Die geschwungene Fersenpartie mit entsprechender Abdeckung macht den Schuh auch für Fersenläufer interessant.

Der Vanish Carbon 3 fühlt sich kontrollierter und weniger spezifisch nach der bekannten Altra-DNA, was vor allem am Wegfall der 0-mm-Sprengung liegt. Trotzdem bleibt der Charakter der Marke erhalten und wird nur moderner umgesetzt. Man hat mehr Platz im Vorfuß, bekommt aber trotzdem einen sehr guten Halt, ohne viel nachschnüren zu müssen. Das Komfortlevel ist bis zur Marathondistanz ausreichend, ohne dass irgendwo etwas reibt.
Mit rund 220 Gramm in der Mustergröße ist der Schuh kein Leichtgewicht. Dies liegt jedoch weniger am Obermaterial als an der großzügigen Außensohle, was zur Altra-Philosophie passt, dass der Schuh viele Kilometer mitmachen soll. Bis zu 500 Kilometer erscheinen realistisch.
Bei moderaten Geschwindigkeiten um 5:20 min/km läuft es sich komfortabel: nicht zu aggressiv und nicht instabil. Seine eigentlichen Stärken zeigt er aber bei höherem Tempo: Im Bereich um 4:10 min/km und natürlich flotter funktioniert er richtig gut – kontrolliert und snappy im Vorfuß, ohne in eine Extremrichtung abzudriften. Er ist weder extrem weich noch extrem direkt, sondern bietet einen sehr ausgewogenen Mix mit der Altra-Philosophie im Hintergrund. Er funktioniert auch auf kürzeren Intervallen, seine eigentlichen Stärken liegen aber auf der Langdistanz, vom Halbmarathon bis zum Marathon.

Der Vanish Carbon 3 ordnet sich in die Kategorie der stabileren Carbon-Racer ein. Im Vergleich zum Saucony Endorphin Pro 5 wirkt der Altra dynamischer und lebhafter im Laufgefühl. Beide sind stabil und nicht extrem weich abgestimmt, wobei der Altra etwas mehr Pop mitbringt. Der Hoka Rocket X 3 ist ähnlich stabil, liefert aber mehr Pop und Weichheit im Vorfuß. Der Altra wirkt durch seine breite Basis insgesamt sicherer.
Auffällig ist die für Altra typische breite Zehenbox mit viel Platz im Vorfuß – ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz.
Altra hat mit dem Vanish Carbon 3 mehr als geliefert. Es handelt sich um einen modernen Carbon-Racer, der die Markenphilosophie beibehält und dabei deutlich zugänglicher und schneller geworden ist. Mit einem Preis von 250 Euro ist er im Marktvergleich angemessen positioniert. Zwar kommt der Vanish Carbon 3 im Vergleich zu den ganz schnellen Racern wie dem Saucony Endorphin Elite, dem Adidas Adios Pro oder dem Hoka Cielo X1 nicht ganz an deren Spitzengeschwindigkeit heran, er positioniert sich aber bewusst auf der zweiten Stufe und bietet dafür einen einzigartigeren, breiteren Fit. Für Läufer, die viel Platz im Vorfuß schätzen, ist dies ein sehr guter Racer für Wettkämpfe und flotte Trainingseinheiten mit hoher Laufleistung. Etwas Luft nach oben gibt es beim Gewicht: 220 Gramm sind für diese Kategorie eher schwer. Das ließe sich mit einer dünneren Außensohle verbessern, aktuell sorgt sie aber für eine hohe Langlebigkeit.