Eigentlich war die Saison für mich Anfang Oktober schon abgehakt. Nach meinem Höhepunkt sechs Wochen vorher beim Mongolia Sunrise to Sunset über 100 km wollte ich das Jahr nur noch entspannt ausklingen lassen. Und dann hatte ich plötzlich eine Einladung zum Maira Occitan Trail im Valle Maira in meinem Postfach. Ein Teil der Alpen, von dem ich bisher noch nie gehört hatte? Ein echter Geheimtipp im „wilden Westen Italiens“? Ich war sofort neugierig. Und so entschied ich mich zum Abschluss der Saison doch nochmal über 42 km an den Start zu gehen.
Ein Tal wie aus einer anderen Zeit
Zwei Stunden südwestlich von Turin, nahe der französischen Grenze, liegt das Valle Maira, ein 60 km langes Tal, das sich ungestört durch die Cottischen Alpen zieht. Skilifte, große Hotels oder aufpolierte Touristenorte findet man hier nicht. Stattdessen malerische alte Steinhäuser, kleine Weiler, weite Berglandschaften und echte Ruhe. Und doch muss man nicht auf Komfort verzichten: Die Unterkünfte sind liebevoll geführt, es gibt großartiges regionales Essen und die Menschen im Tal sind herzlich und stolz auf ihre okzitanische Kultur. Ich war in der Locanda Lou Pitavin untergebracht, mit atemberaubendem Blick über das Valle Marmora, keine 10 Minuten vom Start entfernt.
Der Lauf – 42 Kilometer im Herz der Cottischen Alpen
Start ist um 8 Uhr morgens in Marmora. Der Ort liegt auf rund 1.200 Metern in einem Seitental, dem Vallone di Marmora. Das Rennen gibt es seit 2021 und war ursprünglich als Etappenlauf konzipiert. Inzwischen kann man zwischen drei Distanzen wählen: 42 km mit 2.650 Höhenmetern, 19 km mit 1.330 hm und einen ca. 8 km langen Walk. Es ist noch recht kühl aber das Wetter sieht vielversprechend aus. Auch wenn wir im Hochgebirge sind, ist das Klima hier deutlich milder als in den nördlicheren Teilen der Alpen. Am Start ist die Stimmung entspannt. Ich ordne mich irgendwo in der Mitte der 171 Starter ein. Insgesamt starten über die drei Strecken ca. 500 Leute. Mein Plan heute: genießen, ankommen, durch die Landschaft treiben lassen.
Zu Beginn rollt es leicht über die Landstraße nach Canosio, ehe der erste lange Anstieg beginnt. Schon nach wenigen Kilometern wird es steil. Im Wald wird der Weg kurz flacher, dann steigt es wieder kräftig an. Nach etwa sechs Kilometern habe ich bereits über 600 Höhenmeter in den Beinen und starte in den ersten Downhill. Es ist nicht zu technisch, ich finde einen guten Flow und kann ein paar Plätze gutmachen. Es geht ca. 3 km bergab ins Haupttal des Valle Maira. Nach einem kurzen Stück entlang der Maira, zweigt die Strecke wieder in ein anderes Seitental ab, ins Vallone di Unerzio. Hier beginnt der längste Anstieg des Rennens: Ab hier geht es knapp 10 Kilometer nur bergauf. Am Anfang ist die Steigung noch moderat, dann wird es immer steiler und schließlich hochalpin. Mit jedem Schritt öffnet sich der Blick weiter zurück ins Tal. Irgendwann liegt vor mir die Gardetta-Hochebene.
Das Altopiano della Gardetta liegt auf 2.300–2.500 Metern, eine weite, windumtoste Landschaft, die fast außerirdisch wirkt. Über allem thront die Rocca la Meja, eine scharfkantige Dolomitnadel, die völlig zurecht als „Matterhorn des Valle Maira“ bezeichnet wird. So langsam spüre ich die Höhe, der Wind bläst unnachgiebig, aber das Panorama ist spektakulär. Hier oben fühlt sich der Lauf an wie ein Wechsel aus Einsamkeit, Weite und purer Bergmagie. Ein paar Kilometer geht es leicht bergab, bevor es in den letzten Anstieg geht. Ich bin erschöpft, muss viel gehen, allerdings werde ich mit dem Blick auf die Cottischen Alpen belohnt, die vor mir in ihrer vollen Größe aufragen.
Nach etwa 30 Kilometern erreiche ich dann den höchsten Punkt des Rennens auf 2.520 Metern. Zwischen den Bergen Becco Nero und Becco Grande hindurch geht es in den letzten Downhill und nur noch bergab ins Tal. Die Aussicht ist wieder komplett anders: Vor mir öffnet sich eine neue Gebirgsgruppe, rau, steinig, eindrucksvoll. Der Abstieg beginnt technisch anspruchsvoll, dann wird der Weg laufbar und schnell. Unten im Ziel sind Bänke aufgebaut, alle sitzen noch zusammen und es fühlt sich sehr familiär an. Es gibt Pasta und Espresso, typisch italienisch.
Wanderung am Tag danach
Am nächsten Tag sind meine Beine müde, aber ich will die Region gerne noch etwas mehr kennenlernen. Valentina vom Tourismusbüro hat mir eine moderate Wanderung vorgeschlagen: 10 km, 620 Höhenmeter. Von einem weiteren Seitental, dem Vallone del Preit geht es hoch zum Lago Nero. Es ist sonnig, warm für Oktober, und das Bergpanorama wirkt mit jedem Schritt noch imposanter. Die Felsformationen des Valle Maira brauchen sich vor bekannteren Regionen wie den Dolomiten nicht zu verstecken. Nach rund vier Kilometern erreiche ich den Lago Nero, einen glasklaren Alpensee, eingefasst von Felsen und Weite. Ich setze mich ans Ufer, esse mein Lunchpaket und lasse die Stille auf mich wirken. Der Rückweg ist leicht und führt durch ein Panorama, das man fast als meditativ bezeichnen kann. Ein perfekter Abschluss.
Fazit
Ich hatte keinen Plan, keine Erwartungen – und wurde komplett überrascht. Das Valle Maira ist eine der beeindruckendsten Berglandschaften, die ich je gesehen habe: wild, unverbaut, authentisch und doch gastfreundlich und charmant. Der Maira Occitan Trail 2025 hat mich nicht nur sportlich gefordert, sondern mir eine Region gezeigt, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. Ich komme definitiv wieder.
Danke an Valentina und das Tourismusbüro Valle Maira für die Einladung – und für eine Entdeckung, die meinem Trailrunningjahr nochmal einen ganz besonderen Abschluss gegeben hat.







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